
Das Studium ist für viele eine besonders aufregende Phase im Leben, voller neuer Erkenntnisse, Begegnungen und Erfahrungen – doch bedeutet das nicht, dass sich alle Studierenden in ihrem Uni-Leben mit anderen vernetzt und gemocht fühlen. Spätestens seit der Corona-bedingten sozialen Isolation, unter der junge Menschen und damit auch viele Studienanfänger*innen besonders zu leiden hatten, ist die Bedeutung von sozialer Verbundenheit und Nähe für ein erfülltes Leben deutlich geworden. Es gibt eine Vielzahl an Faktoren, die zu Gefühlen der Einsamkeit und Isolation während des Studiums beitragen können. Mit diesem Beitrag wollen wir darauf eingehen, was Einsamkeit überhaupt ist und wodurch sie bedingt wird, welche Möglichkeiten es gibt, sich – an der Uni und außerhalb – Hilfe zu suchen und wie aus dem Gefühl der Einsamkeit Verbundenheit werden kann. Sich aus dem Gefühl der sozialen Isolierung oder einer empfundenen Einsamkeit heraus zu kämpfen, ist nicht leicht und erfordert Mut und Kraft, die nicht immer aufgebracht werden können. Aber vielleicht findest Du in diesem Beitrag ja den einen oder anderen Impuls, um einen Schritt raus aus der Einsamkeit zu wagen.
Alleinsein versus Einsamkeit
Einsamkeit kann laut dem Sozialwissenschaftler Severine Thomas nicht einfach mit Alleinsein gleichgesetzt werden, sondern ist definiert durch ein nicht erfülltes Bedürfnis nach Verbundenheit, das sich sowohl auf die Anzahl sozialer Beziehungen wie z.B. Freundschaften beziehen kann als auch auf die Qualität, also auf die Tiefe der Freundschaften. Das bedeutet, auch wenn Menschen Kontakte und Bekanntschaften haben, können sie sich trotzdem nach Nähe und Verbundenheit sehnen und sich dementsprechend einsam fühlen. Es ist wichtig, Einsamkeit nicht als Schwäche zu verstehen, sondern als menschliches Erlebnis: Es ist okay, sich manchmal allein zu fühlen – aber es ist auch wichtig, darauf zu achten, wenn dieses Gefühl zu lange anhält (vgl. Thomas 2022). Denn langanhaltende Einsamkeit kann zu Stress, Angstzuständen, Depressionen und einer verminderten Leistungsfähigkeit führen. Studierende, die sich einsam fühlen, neigen mitunter dazu, sich zurückzuziehen, ihre Teilnahme an Veranstaltungen zu reduzieren und sich von sozialen Aktivitäten fernzuhalten – auf diese Weise wird die Isolation weiter verstärkt.
Gründe für Einsamkeit im Studium
Wie bereits erwähnt, gibt es viele verschiedene Faktoren, die Einsamkeit unter Studierenden begünstigen können (vgl. Berngruber et al 2024). Der Start ins Studium steht für viele mit großen Veränderungen im Leben in Verbindung. An einem neuen Ort in einen komplett neuen Lebensabschnitt zu starten, kann Unsicherheit auslösen – mit wem studiere ich zusammen? Wie verhält man sich an der Uni und mit seinen Kommiliton*innen? Wie finde ich Freundschaften? – diese Fragen beschäftigen zum Studienanfang viele. Für Studierende, die unter sozialen Unsicherheiten oder Ängsten leiden, ist die soziale Komponente des Studiums – Andere ansprechen, Unterhaltungen, Gruppenaktivitäten, Partys – eine besondere Herausforderung.
Für viele Studierende ist das Studium bereits eine herausfordernde Phase – doch für diejenigen, die gleichzeitig mit einer chronischen Erkrankung, Neurodivergenz (wie z. B. Autismus-Spektrum oder ADHS-Spektrum), als Eltern oder als Pflegende studieren, kann die Belastung besonders groß sein. In diesen Lebenslagen wächst die Gefahr, einsam zu werden – und das aus mehreren Gründen.
Menschen mit Behinderung, chronischer und psychischer Erkrankung stehen oft vor unvorhersehbaren Einschränkungen und Barrieren im Studienalltag, die sich auf das Studium und die soziale Vernetzung auswirken: Krankheitsphasen, Therapien oder Erschöpfung führen zu Ausfällen, fehlenden Veranstaltungen oder der Unmöglichkeit, an manchen sozialen Events teilzunehmen. Diese Isolation kann schnell zu einem Gefühl der Distanz zu Kommiliton*innen führen – besonders wenn andere nicht verstehen, warum man nicht bei Gemeinschaftsevents teilnimmt oder ‘plötzlich’ nicht mehr da ist.
Neurodivergente Studierende erleben oft – zusätzlich zu anderen Barrieren im Studium – eine Überforderung durch die sozialen Anforderungen des Studienalltags: Lärm, unstrukturierte Kommunikation, unklare Erwartungen oder die Notwendigkeit, ständig ‘sozial zu funktionieren’, können zu innerer Erschöpfung und Isolierung führen. Das Gefühl, nicht in die Gruppe zu passen, ‘anders’ zu sein oder soziale Codes und Arrangements nicht zu verstehen oder nicht bedienen zu können, kann Gefühle der Isolation und Einsamkeit verstärken.
Bei Studierenden mit Kindern gestaltet sich die Balance zwischen Familie, Beruf und Studium oftmals schwierig. Zeitmangel, fehlende Betreuungsmöglichkeiten und der Druck, alles ‚unter einen Hut zu bekommen‘, lassen wenig Raum für soziale Kontakte. Viele fühlen sich isoliert, weil sie u.U. nicht alle Veranstaltungen besuchen und sich nicht an studentischen Treffen beteiligen können – und weil das Gefühl präsent ist, sich eigentlich in einer anderen Lebensphase zu befinden als die meisten anderen Studierenden.
Darüber hinaus gibt es natürlich noch viele weitere Faktoren, die das Gefühl der Einsamkeit im Studium begünstigen oder verstärken können – Sprachbarrieren, das Pendeln aus einer anderen Stadt, Pflegeverantwortung für Angehörige, aber auch Menschen mit Trans*Identität und anderen queeren Identitäten und Orientierungen sind – zusätzlich zu allgemeingesellschaftlichen Ausschlusserfahrungen – besonders gefährdet, Einsamkeit zu erfahren (vgl. Berngruber et al 2024).
Wie Du aus Einsamkeit in Verbundenheit kommst
Hier findest Du Möglichkeiten, Verbundenheit zu finden – mit ihren Vor- und Nachteilen:
1. Hobbys, Sport und Kreativität
Pro: Gemeinsame Interessen sind wie Brücken. Du triffst Menschen, die Dich verstehen und sich für das Gleiche begeistern – und regelmäßige Treffen schaffen Sicherheit. Außerdem: sich sportlich oder kreativ zu betätigen, macht Spaß und kann sich erfüllend anfüllen. Über den Uni-Sport, den AStA und verschiedene Hochschulgruppen ist es möglich, über gleiche Interessen mit anderen in Kontakt zu kommen.
Con: Kosten, Verpflichtungen und die Angst, nicht ‘dazuzugehören’, können ein Hindernis darstellen. Aber: Solange Du es nicht probiert hast, wirst Du nicht wissen, ob sich die Sorgen bestätigen oder ob es Dir nicht doch guttut.
2. Online-Communities
Pro: Du kannst Dich mit Menschen verbinden, die weit weg sind – aber genau wie Du fühlen, denken, sich für dieselben Sachen interessieren. Die Anonymität kann dabei helfen, den Druck rauszunehmen, den soziale Interaktion auslösen kann.
Con: Es fehlt manchmal das echte Gefühl von Nähe. Aber auch dort kann etwas Wichtiges entstehen – ein Austausch, eine Ermutigung, gegenseitiges Verständnis.
3. Apps wie Bumble Friends
Pro: Du triffst Menschen, die auch Kontakt und Freundschaften suchen – ohne Druck, ohne Verpflichtung.
Con: Es ist ein Online-Format – und manchmal ist es schwer, sich auf eine Begegnung einzulassen. Aber: Du hast die Wahl, mit wem Du den Kontakt suchst– und Du darfst auch einfach nur schauen.
4. Angebote der Uni gegen Einsamkeit
Pro: Immer wieder bietet die Uni kostenlose, niedrigschwellige Angebote rund um das Thema Einsamkeit an (z.B. über den Healthy Campus). Du lernst, dass Du mit Deinem Gefühl nicht allein bist.
Con: Manchmal ist es schwer, sich zu trauen, hinzugehen – hier kann für den Anfang vielleicht eine Einzelberatung helfen. Welche Möglichkeiten der Beratung Dir an der Uni zur Verfügung stehen, findest Du unter dem Punkt ‚Hilfsmittel’.
5. Queeres Zentrum, internationale Vernetzungen (ESN, Foyer International)
Pro: Hier findest Du Menschen, die Deine Erfahrungen verstehen – auch Erfahrungen der Ausgrenzung und der Differenz. Du fühlst Dich gesehen.
Con: Manchmal ist die Gruppe schon sehr vertraut – aber Du darfst auch erst einmal ‘dabeisein’, ohne gleich ‘dazuzugehören’.
6. Soziale und kulturelle Angebote in der Stadt (Goewasgeht, Website der Stadt)
Pro: Spieleabende, gemeinsames Kochen, Konzerte – oft kostenlos, niedrigschwellig, einfach nur „da sein“.
Con: Teilweise kommt man hier nicht direkt mit Leuten in Kontakt – aber manchmal reicht es ja auch, zumindest für den Abend Teil einer Gruppe zu sein.
7. Ehrenamt
Pro: Du tust etwas Gutes – und dabei entsteht oft ein tieferes Gefühl der Verbundenheit. Du bist nicht nur Empfänger*in, sondern auch Geber*in.
Con: Es kann verpflichtend sein, Zeit kosten. Aber je nach Format des Ehrenamts kannst Du auch nur ein paar Stunden geben – und jederzeit aufhören.
Versuche, Dir zu Anfang nicht zu viel Druck zu machen. Denn Freundschaften brauchen vor allem eines: Zeit um zu wachsen. Du musst nicht mit jeder Person, die Du kennenlernst, Freundschaft schließen. Du darfst wählen, wen Du in Dein Leben lässt. Tiefe Beziehungen zu wenigen Personen sind für viele Menschen wichtiger als mehrere oberflächliche Kontakte. Dies bedeutet aber nicht, dass das Bedürfnis nach losen Bekanntschaften und Gesprächen nicht genauso wichtig sein kann, um aus dem Gefühl der Einsamkeit ein Gefühl der Verbindung entstehen zu lassen.
Hilfsmittel, die Dich stärken
- Beratungsangebote – wie die Nightline oder die Sozialberatung des AStA: Peer-to-Peer, direkt am Campus, per Mail, per Telefon. Niedrigschwellig, vertraulich, ohne Druck.
- Selbsthilfegruppen: über die Website der KIBIS Göttingen findest Du verschiedene Selbsthilfegruppen, in denen Du Dich mit anderen über Sorgen, Erfahrungen und Ängste austauschen kannst.
- Psychologische Beratung: Wenn die Einsamkeit tief sitzt, ist es kein Zeichen von Schwäche, sondern von Mut, sich Hilfe zu suchen. Bei chronischer Einsamkeit und Verzweiflung, wende Dich an die Psychosoziale Beratung (PSB) oder die Psychotherapeutische Ambulanz für Studierende (PAS). Beide Einrichtungen bieten nicht nur Einzelberatungen, sondern auch Workshops und Kurse zu verschiedenen Themen an. Zudem können psychotherapeutisch ausgebildete Berater*innen Dir eine Einschätzung geben, ob eine therapeutische Behandlung nötig wäre.
Die Studienzeit ist eine der prägendsten Phasen im Leben und sollte nicht nur von akademischen Leistungen bestimmt werden, sondern auch von menschlichen Verbindungen, gegenseitiger Unterstützung und dem Gefühl, dazuzugehören. Denn letztlich ist es nicht nur das Wissen, das uns weiterbringt – sondern auch die Menschen, die uns begleiten. Du musst nicht alles auf einmal ändern. Es reicht schon, wenn Du heute einen kleinen Schritt machst: eine Nachricht schreibst, ein Angebot an der Uni anschaust oder ein Treffen absprichst. Wenn Du nicht genau weißt, welche ersten Schritte Du gehen kannst, kannst Du auch gern zu uns in die Studienberatung kommen und wir überlegen gemeinsam, wie Du starten kannst. Auch wenn es schwer ist, sich aus der Einsamkeit heraus zu kämpfen – es ist ein Kampf, der sich lohnt.
Quellen
Berngruber, Hasenbein, Steiner: Sozial eingebunden, trotzdem einsam? Einsamkeitsempfinden Jugendlicher und Junger Erwachsener (2024), online unter: Sozial eingebunden, trotzdem einsam? | Einsamkeit | bpb.de
Thomas: Einsamkeitserfahrungen junger Menschen – nicht nur in Zeiten der Pandemie. Soz Passagen 14, 97–112 (2022), online unter:https://doi.org/10.1007/s12592-022-00415-7 .
